Fotorgrafie aus den 1920er Jahren. Ein Hörsaal.

Prüfungsangst überwinden

Prüfungsangst überwinden heißt selten, sie loszuwerden, sondern dem Arbeitsgedächtnis seinen Platz zurückzugeben: durch Vorbereitung unter Prüfungsbedingungen, durch eine kurze Schreibübung direkt vor der Klausur oder durch eine Beratung. Nervosität ist normal. Zum Problem wird sie, wenn sie dich vollständig blockiert.

Wie verbreitet ist Prüfungsangst im Studium – und wann ist es mehr als Nervosität?

Prüfungsangst ist unter Studierenden eher Regel als Ausnahme. Beratungsbedürftig wird sie, wenn sie deine Leistung spürbar beeinträchtigt oder du Prüfungen vermeidest.

In der Erhebung „Beratung im Profil“ des Deutschen Studentenwerks (Studienjahr 2017/18) gaben 53 Prozent der Studierenden an, schon einmal Prüfungsangst gehabt zu haben, 42 Prozent einen Blackout in einer Prüfung.

Die Universität Augsburg zieht die Grenze auf ihrer Beratungsseite zu Prüfungsangst dort, wo Bewertungssituationen so viel Angst auslösen, dass die Leistungsfähigkeit leidet. Die Symptome reichen von Herzrasen, Schwitzen und Übelkeit über Konzentrationsprobleme bis zum Blackout.

Warum hilft „einfach entspannen“ so selten?

Weil Angst hier kein Wissensproblem ist, sondern ein Aufmerksamkeitsproblem: Grübeln belegt Kapazität im Arbeitsgedächtnis, die du zum Lösen der Aufgaben brauchst.

Das ist die Erklärung, die Gerardo Ramirez und Sian Beilock in ihrer Arbeit „Writing About Testing Worries Boosts Exam Performance in the Classroom“ (Science, 2011) anbieten: Sorgen ums Abschneiden laufen parallel zur Aufgabe und zehren an dem Speicher, den Rechnen und Argumentieren brauchen. Wer ohnehin ängstlich ist, verliert dadurch am meisten.

Der Ratschlag „Bleib ruhig“ verschärft das oft noch: Du bekommst eine zweite Aufgabe (Ruhe herstellen) obendrauf. Hilfreicher ist es, die Sorgen auszulagern, statt sie zu unterdrücken.

Was hilft in den Wochen vorher?

Am meisten hilft, das Prüfungsformat vorher mehrfach unter echten Bedingungen zu erleben, damit die Situation vertraut wird und so ihren Schrecken verliert.

Ein konkretes Beispiel, das du diese Woche testen kannst: Nimm eine Altklausur, stell eine Stoppuhr auf die echte Bearbeitungszeit, leg das Handy in einen anderen Raum und wiederhole die Klausur. Kein Nachschlagen, keine Pause. Danach wertest du nicht nur Fehler aus, sondern auch die Momente, in denen du ins Stocken geraten bist: Wo genau? Bei welchem Aufgabentyp?

Wiederholst du das drei-, viermal, kennt dein Körper die Lage: Uhr im Blick, Stille im Raum, Zeitdruck. Die Anspannung am echten Termin wirkt dann nicht mehr so furchterregend. Damit du überhaupt Platz für solche Probedurchläufe hast, brauchst du einen Plan. Kriegst du: Lernplan erstellen.

Was hilft in den Minuten vor der Prüfung?

Eine kurze Schreibübung: Du schreibst unmittelbar vor der Prüfung auf, was du befürchtest. Das entlastet das Arbeitsgedächtnis.

Ramirez und Beilock ließen Teilnehmende vor einer wichtigen Prüfung ihre Gedanken und Gefühle aufschreiben. In ihren Experimenten schnitten besonders diejenigen besser ab, die sich vor Prüfungen ohnehin viele Sorgen machten. Die Studie belegt den Effekt für genau diese Schreibaufgabe, sie ist kein Freibrief für jede Form von Angst.

So gehst du vor: Zettel, Stift, ein paar Minuten. Schreib ungefiltert auf, was schiefgehen könnte („Ich vergesse die Formel“, „Ich falle durch und muss es meinen Eltern sagen“), und was das für dich bedeuten würde. Nicht schön formulieren, nicht ordnen. Dann Zettel weg.

Das funktioniert besser, wenn du es nicht erst am Prüfungsmorgen zum ersten Mal probierst. Unser Semester-Reset hilft. Das ist ein Mental-Health-Journal, das Studierende 90 Tage lang durch ein Semester begleitet: Wer Sorgen über Wochen zu Papier bringt, ist sie am Prüfungstag schneller los.

Wann reicht Selbsthilfe nicht mehr?

Wenn du Prüfungen meidest, körperlich stark reagierst oder die Angst dich auch außerhalb von Prüfungen begleitet, ist eine Beratung der nächste sinnvolle Schritt.

Die psychologischen Beratungsstellen der Studierendenwerke richten sich an Studierende, Prüfungsangst gehört zu ihrem Alltag. Die Suche nach deinem Standort läuft über studierendenwerke.de. Ist es akut, erreichst du die Telefonseelsorge kostenlos und rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, im Notfall die 112. Zu Prüfungsangst als Störungsbild und zu möglichen Therapien berät dich außerdem deine Hausärztin oder dein Hausarzt.

Ein Journal ersetzt keine Therapie. Es kann dir helfen, Muster zu erkennen und dein Anliegen in der Beratung genauer zu beschreiben. Zwischen „Ich habe Angst vor Prüfungen“ und „Ich blockiere bei Textaufgaben mit Zeitdruck“ liegt eine Menge nützliche Information.

Prüfungsangst sagt nichts darüber aus, wie viel du kannst. Sie sagt etwas darüber, wie viel Aufmerksamkeit im entscheidenden Moment für etwas anderes als die Aufgabe draufgeht. Und da kannst du dann ansetzen.


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