Wie lerne ich richtig? Weniger Markieren, mehr Abfragen
Du hast das Skript dreimal gelesen, die Hälfte gelb markiert und die Zusammenfassung sauber abgetippt. Am Klausurmorgen fühlt sich alles vertraut an und dann steht da eine Frage, bei der dein Kopf nur spürt: Ich fühle es, aber keine Worte hat.
„Wie lerne ich richtig?“ fragen sich Studierende meistens genau dann, wenn die alte Methode versagt hat. Aber Moment, ist „Texte markieren“ wirklich eine Lernmethode? Näääää.
Dann lieber dies:
Lerne weniger durch Wiederlesen und mehr durch Abrufen – also „denken“: Klapp das Skript zu, schreib auf, was du noch weißt, und wiederhole das mehrere Tage. Selbsttest und verteiltes Lernen bekamen in einem Überblick, der zehn gängige Lerntechniken verglich, die höchste Nützlichkeitswertung.
Klingt banal. Ist es auch – bis du es zum ersten Mal wirklich machst. Wie das nach einer Vorlesung, über eine Woche und zwei Wochen vor der Klausur aussieht, kommt jetzt der Reihe nach.
Warum bringen Wiederlesen und Markieren so wenig?
Weil beides sich nach Lernen anfühlt, ohne dass dein Gedächtnis etwas leisten muss. Ein Team um John Dunlosky (Kent State University) bewertete Zusammenfassen, Markieren und Wiederlesen als Techniken mit geringem Nutzen. Dumm nur, dass das ausgerechnet die beliebtesten Methoden unter Studierenden sind.
Die Arbeit erschien im Januar 2013 in Psychological Science in the Public Interest. Hier eine Zusammenfassung der Association for Psychological Science. Zwei Techniken sind hier in der Pole Position fürs effiziente Lernen: Selbsttests und über die Zeit verteiltes Lernen – Spaced Repetition, baby! Die Autorinnen und Autoren nennen als Beispiele Karteikarten und die Fragen am Ende eines Buchkapitels.
Der Grund, warum Wiederlesen trotzdem so verlockend ist, steckt in der Logik der Sache: Beim dritten Durchgang kennst du den Text. Das sagt dir nur, dass du ihn wiedererkennst, nicht, dass du ihn abrufen kannst. Und in der Klausur wird abgerufen, nicht wiedererkannt.
Das heißt nicht, dass dein Textmarker in den Müll gehört. Als Wegweiser taugt er: Markiere beim ersten Lesen, was du später abfragen willst, und mach daraus Fragen.
Was bedeutet „abrufen“ konkret und wie sieht das nach einer Vorlesung aus?
Abrufen heißt: Unterlagen zu, leeres Blatt, aufschreiben, was du noch weißt. Erst danach schaust du nach, was gefehlt hat. Diese Lücken sind dein Lernstoff für die nächste Runde und nicht das ganze Kapitel.
Der wohl anschaulichste Beleg stammt von Jeffrey Karpicke und Janell Blunt. In ihrer Studie in Science (2011) lernten insgesamt 200 Studierende Texte auf zwei Arten: Die eine Gruppe baute Concept Maps, also schöne, geordnete Wissenslandkarten. Die andere las den Text, legte ihn weg und versuchte, frei aufzuschreiben, woran sie sich erinnerte. Eine Woche später schnitt die Abruf-Gruppe um 50 Prozent besser ab als die Concept-Map-Gruppe.
Auf einen normalen Tag übertragen im ersten Fünftel deines vielversprechenden Lebens übertragen bedeutet dies: Du kommst aus der Statistik-Vorlesung. Statt die Folien noch einmal durchzublättern, nimmst du ein leeres Blatt und schreibst zehn Minuten lang auf, was Standardabweichung und Standardfehler unterscheidet, wann du einen t-Test brauchst und was der p-Wert eben nicht sagt. Dann erst schlägst du nach und findest – deine Lückenliste. Fülle sie mit Weisheit, Wissen und Kompetenz!
Dasselbe gilt für Karteikarten, mit einer Bedingung: Du musst die Antwort wirklich aufschreiben oder laut sagen, bevor du die Karte umdrehst. Wer nur kurz denkt „ja, wusste ich“ und umdreht, übt wieder bloß das Wiedererkennen – bequem, aber genau die Methode mit dem geringen Nutzen.
Es wird sich anstrengender anfühlen als Wiederlesen. Das ist keine Fehlverdrahtung deines Gehirns, sondern das, was man „kognitive Arbeit“ nennt.
Die Feynman-Methode ist übrigens so eine Art Goldstandard für diese Art des Lernens.
Teile und lerne!
Teile ein Thema auf drei kurze Termine an verschiedenen Tagen auf, statt es in einem langen Block abzuarbeiten. Verteiltes Lernen gehört bei Dunlosky und Kollegen neben dem Selbsttest zu den beiden Techniken mit den besten Ergebnissen.
Eine feste Zahl aus einer Studie gibt es dafür nicht, den Rhythmus musst du an deinen Kalender anpassen. Hier ein Vorschlag zu deiner Inspiration: Montag Vorlesung, Mittwoch zehn Minuten Abruf, nächsten Montag noch einmal zehn Minuten und zwar zu Themen, die du am Mittwoch nicht mehr sauber hinbekommen hast. Dreimal zehn Minuten sind weniger als ein Nachmittag Wiederlesen, und sie bleiben im Gedächtnis hängen.
Wie du das in einen Plan gießt, der nicht beim ersten ausgefallenen Tag kippt, steht in unserem Artikel zum Lernplan erstellen.
Wie lerne ich richtig für eine Klausur, die schon in zwei Wochen ansteht?
Mach aus deinen Unterlagen Fragen und beantworte sie aus dem Kopf, Thema für Thema, das schwächste zuerst. Zwei Wochen reichen, um jedes Thema mindestens zweimal an verschiedenen Tagen abzufragen. Schließe Lücken durch nachlesen.
Praktisch heißt das:
- Schreib an Tag eins eine Themenliste und sortiere sie danach, wie sicher du dich fühlst.
- Beantworte Altklausuren oder die Aufgaben am Ende der Kapitel zuerst aus dem Kopf, ohne Skript daneben.
- Markiere, was nicht saß, und frag es zwei Tage später noch einmal ab.
- Lies erst dann nach, wenn du eine Lücke gefunden hast, und nur an dieser Stelle.
Das ist unbequemer, als das Skript noch einmal von vorn durchzugehen. Dafür weißt du am Tag vor der Klausur, was du kannst, und musst es nicht hoffen.
Woran merkst du, dass es funktioniert?
Deine Lückenliste wird von Tag zu Tag kürzer, und du kannst Fragen beantworten, ohne dass das Skript offen daneben liegt. Wenn du beim Abfragen fast nichts weißt, ist das kein Beweis, dass die Methode versagt.
Führ die Liste dafür sichtbar: Datum, Thema, was gefehlt hat. Nach einer Woche siehst du, welche Themen sich hartnäckig halten und welche längst sitzen. Diese Auswertung ist mehr wert als jede neue Methode, die du ausprobierst, weil du endlich weißt, wo du stehst.
Frohes Abfragen und willkommen in der Lückenliste.
